Viele Jahre nach dem ersten Entwurf, soll es nun bald soweit sein: Mit dem Projekt Icarus wird der langersehnte Traum, durch Tierbeobachtung aus dem Weltall, Katastrophen wie Vulkanausbrüche, Erdbeben und Epidemien vorherzusagen, endlich greifbar.

Icarus-Antennen an der ISS installiert

Der Grundstein hierfür wird am kommenden Mittwoch gelegt, wenn die Kosmonaten Oleg Artemjew und Sergej Prokopjew für einen Außeneinsatz die Raumstation ISS verlassen und einen Mast samt Antenne an die Außenhülle des russischen Moduls montieren. Diese Antenne stell das Herzstück des Icarus-Projektes dar. „Jahrelang haben wir über das Projekt gesprochen, jetzt geht es tatsächlich los.“ freut sich Erfinder Martin Wikelski, Direktor am Max-Plack-Institut für Ornithologie in Radolfzell. Mit der Montag der Antenne nimmt sein Mammutprojekt endlich greifbare Formen an.

Projekt Icarus – Tierbeobachtung aus dem Weltall

Das Projekt Ikarus sieht vor, Tiere mit Mini-Sendern auszustatten, die dann mit Hilfe der Empfänger auf der ISS beobachtet werden können. Damit sollen nicht nur die Wanderung von Zugvögeln besser nachvollziehbar werden, sondern auch untypische Bewegungen und Verhaltensweisen von Tieren erkannt werden. So beobachteten Forscher in der Vergangenheit zum Beispiel unruhige Bewegungen von Ziegenherden am Ätna, kurz bevor es einen Ausbruch gab. Durch die Beobachtungen aus dem All, soll nun eine Art Frühwarnsystem für Naturkatastrophen entwickelt werden. „Das System erlaubt uns nicht nur zu beobachten, wo ein Tier ist, sondern auch, was es gerade tut“, so Wikelski. „Wir könnten ein globales System intelligenter Sensoren einsetzen, um die Welt zu beobachten.“ Aus der Schwarmintelligenz von Tieren könnte man also grundlegende neue Erkenntnisse gewinnen, die in der Zukunft tausende Leben retten könnte.

100.000 Icarus-Sender geplant

Die Forscher planen dafür u.a. Papageien, die sich in der Nähe eines nicaraguanischen Vulkans aufhalten, Ziegen in  erdbebengeplagten Regionen in Mittelitalien sowie Bären auf der ostrussischen Halbinsel Kamtschatka, mit Sendern auszustatten. Icarus-Koordiantorin Uschi Müller ergänzt, dass die Anbringung der Sender nun beginnen könne. Anfangs planen die Forscher rund 1000 Sender in besonders von Naturkatastrophen bedrohten Gebieten zu verteilen. Doch wenn es nach dem Team um Wikelski geht, soll dies nur der Anfang sein. „Letztlich wollen wir 100.000 tierische Spürhunde für die Menschheit“, ergänzt der Kopf des Projektes „Wenn wir all diese Informationen kombinieren, erhalten wir ein völlig anderes und neues Verständnis vom Leben auf diesem Planeten.“ Allein diese dann richtig lesen und verstehen zu können, müsse man noch lernen, ergänztWalter Naumann, Geschäftsführer der Firma I-GOS, die sich für die Entwicklung der Sender mitverantwortlich zeigte. „Die Interpretation vieler Daten müssen wir noch lernen“.

Icarus-Sender: Wie Rucksäcke für Amseln

Entscheidend für den Erfolg des Projektes sind die eigens vom Icarus-Team entwickelten Sender. Mit eine Größe von rund 2 Kubikzentimeter und einem Gewicht von 5 Gramm, sind sie sogar klein genug, um sie größeren Singvögeln, wie beispielsweise Amseln, wie einen kleiner Rucksack auf den Rücken schnallen zu können. Eine kleine Solarzelle, die eine Batterie versorgt, eine 15 cm lange Antenne sowie eine Speicherleistung von 500 Megabyte vervollständigen den Sender. Über sechs Sensoren können dann nicht nur die Position, sondern auch die Beschleunigung des Trägers ermittelt werden. Zusätzlich erhalten die Forscher Daten über die Ausrichtung zum Magnetfeld der Erde, Temperatur sowie Luftdruck und Feuchtigkeit der Umgebung. Ein Sender kostet rund 500 Euro und hat eine Lebensdauer von zwei bis drei Jahren, schätzt Naumann. In dieser Zeit kann die ISS und damit das Icarus-Sytem aufgrund ihrer Laufbahn alle drei Sekunden Signale von 120 Sendeeinheiten empfangen, die dann an die jeweiligen Forscherteams auf der Erde weitergeleitet werden.

Weitere Forschungsgebiete könnten die Icarus-Daten nutzen

Aber nicht nur zu Forschungszwecken und der Früherkennung von möglichen Naturkatastrophen können die Daten des Icarus-Teams beitragen. Auch Mediziner könnten von Icarus profitieren. So will das Team um Wikelski u.a. Flughunde in Afrika mit Sendern ausstatten. Diese gelten zwar nicht als unmittelbare Überträger von Ebola-Viren, kommen aber mit den Erregern in Kontakt und tragen Antikörper. Sollte man in der Lage sein, die Bewegungen der Flughund-Schärme über den ganzen Kontinent nachverfolgen zu können, könnten Erkenntnisse über die Herkunft der Erreger und damit die bisher noch unbekannte Ebola-Reservoire erlangt werden.

Die Einsatzmöglichkeiten der Icarus-Technologie sind so breitgefächert, dass es bereits tausende Anfragen gibt, so Uschi Müller. Sie betont aber „zunächst haben deutsche und russische Projekte Priorität.“ Welche Projekt dann tatsächlich unterstützt werden können, wird ein derzeit im Aufbau befindliches, internationales Ethik-Komitee entscheiden.

Doch die Zukunft von Icarus ist ungewiss

Am Projekt sind neben dem Icarus Team und der Max-Planck Gesellschaft auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sowie die Universität Koblenz beteiligt. Technisch und vor allem beim  Transport und der Installation im All, wird das Forscherteam von der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, unterstützt. Diese zeigte, anders als die UberAir Taxi begeisterte US-Raumfahrtbehörde NASA, der Wikelski seine Projektidee zur Jahrtausendwende bereits vorstellte, großes Interesse an dem Unterfangen. 

Leider ist die Zukunft des Projektes vorerst auch an den Betrieb der ISS geknüpft. Offiziell wird diese nur bis 2014 gesichert. Doch Martin Wikelski gibt sich vorerst gelassen. So erklärt er seine Zuversicht in die Zusammenarbeit mit Roskosmos „Ob andere Länder bis zum Jahr 2024 aussteigen, ist nicht so wichtig. Die Russen wollen die Raumstation bis 2028 betreiben.“

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