Twitter testet seine eigene Version von Stories. Das Unternehmen gab gestern bekannt, dass es in Brasilien ein neues Formats namens „Fleets“ testen wird, mit dem Benutzer erstmals kurzlebige Inhalte im sozialen Netzwerk veröffentlichen können. Im Gegensatz zu Tweets können die neuen Fleets von Twitter keine Likes, Antworten oder Retweets erhalten. Außerdem verschwinden sie nach 24 Stunden vollständig.

Fleets sind nicht öffentlich, zwar sind sie auf öffentlichen Profilen durchaus für alle sichtbar, u.a. auch wenn man dem Profil nicht folgt, jedoch können sie im Netzwerk von Twitter nicht verbreitet werden, erscheinen weder in der Search noch den Moments. Auch auf externen Websites können Fleets nicht eingebettet werden.

Twitter ist eine der letzten großen sozialen Plattformen, die ein Story-Format testet. Stories wurde erstmals von Snapchat populär gemacht, und hielten daraufhin Einzug auf allen großen Social-Media Portalen wie Instagram, Facebook, WhatsApp und YouTube. Auch die Musik-Streaming Plattform Spotify kündigte kürzlich den Test einer Stories-ähnlichen Funktion an, und sogar Microsoft Skype hat den Versuch gestartet, Stories anzubieten.

Im Fall von Twitter sollen Fleets gerade Nutzer ansprechen, die selbst nicht twittern. Garde diese passiven User, fühlen sich mit der öffentlichen Natur von Twitter unwohl. In diesem Zusammenhang sagte Twitter auf der CES im Januar, man werde bald neue Steuerelemente testen, um die Zielgruppe für Tweets zu bestimmen. Somit sollen User also bestimmen können, was öffentlich oder nur für Follower und so weiter sichtbar ist.

Fleets keine neue Lösung im Social Media Kosmus

In Brasilien sehen die Fleet-Tester ganz oben in der Zeitleiste der Mobile-App ein abgerundetes Profilsymbol. Dies ist sofort als Story-Feature erkennbar. Das erste Symbol ist eine kleine Gedankenblase, die das eigene Profilfoto anzeigt. Benutzer klicken einfach auf die Schaltfläche „+“, um ihre Fleet zusammenzustellen.

Die Composer-Oberfläche ist dabei einfacher als das, was man auf konkurrierenden Websites und sozialen Netzwerken findet. Laut Twitter soll dies die textorientierte Natur seines Produkts widerspiegeln. Benutzer können jedoch Fotos, GIFs und Videos zu einer Fleet hinzufügen, auch wenn keine ausgefallenen Bearbeitungswerkzeuge dazu verfügbar sind.

Twitter Fleets – Bis zu 10 Minuten Storytime

Zum Start können User Videos mit einer Länge von bis zu 2 Minuten 20 Sekunden (oder 512 MB) veröffentlichen. Whitelisted Publisher können hingegen Videos mit einer Länge von bis zu 10 Minuten veröffentlichen.

Benutzer können auch mehrere Fleets posten, durch die sich die Betrachter mit Gesten bewegen.

Die Twitter-Version von Stories ist etwas anders und möglicherweise umständlich. Um die mehreren Flotten anzuzeigen, die ein Benutzer gepostet hat, muss der User nach unten streichen, anstatt sich durch horizontales Swipen und Tippen durch die Fleets zu manövrieren. Um zu einer Fleet des nächsten Accounts zu gelangen, müssen User hingegen nach links streichen. Aber sicher alles Gewöhnungssache. Twitter macht jedoch klar, dass diese Gesten je nach User-Feedbacks auch noch verändert werden können.

Obwohl sich Fleets nicht wie Tweets durch das Twitter-Netzwerk teilen lassen, können die Zuschauer trotzdem interagieren. Wenn der Poster DMs (Direktnachrichten) zulässt, können andere auf die Fleet privat reagieren, so können auch einfach Emoji verschickt werden, ähnlich wie bei es bei den Stories anderer sozialer Apps funktioniert.

Aus den Fleets herausstechen

Eine der größten Herausforderungen von Twitter bei der Integrierung der Storyfunktion besteht darin, herauszufinden, welche Fleet zuerst auf dem Startbildschirm angezeigt wird. In Netzwerken wie Snapchat, Instagram und Facebook folgen Benutzer normalerweise ihren Freunden und einer Vielzahl von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Marken. Bei Twitter ist es jedoch üblich, Benutzer zu finden, die Hunderten und sogar Tausenden anderer Benutzer folgen.

Um ein Stories-Feature auf Twitter überzeugend zu machen, muss die Aufstellung der Fleet in hohem Maße auf den Endbenutzer zugeschnitten sein, möglicherweise indem Benutzer ihre „engen Freunde“ irgendwann bestimmen können. Twitter bietet diese Funktion zum aktuellen Launch der Fleets jedoch noch nicht an.

Derzeit entscheidet Twitter, welche Fleets zuerst angezeigt werden sollen. Diese Auswahl basiert auf Aktualität und gegenseitigen Follows.

Fleet soll das Wachstum Twitters ankurbeln

Der Fleet-Testlauf in Brasilien kommt kurz nach der Beteiligung durch die Elliott Management Corp. an Twitter, die auf Änderungen im sozialen Netzwerk drängt. Die Investmentfirma glaubt, dass Twitter sein Potenzial noch nicht ausschöpft. Außerdem fürchte man, dass Twitter CEO Jack Dorsey, den das Unternehmen gerne ersetzen möchte, werde von seinen Nebenprojekten und von seinem CEO-Job bei Square abgelenkt. Twitter gilt in Bezug auf Innovationen als deutlich hinter den Konkurrenten zurückgeblieben. Während andere soziale Netzwerke beliebte Funktionen wie die Stories früh übernommen haben, hat sich Twitter stets auf sein Kernprodukt konzentriert.

Das Unternehmen sagt, dass es den Brasilien-Testrun verwenden wird, um besser zu verstehen, ob Fleets den Benutzern helfen, das Teilen auf Twitter komfortabler zu gestalten, ein beständiges Problem für das post-in-public-Netzwerk. Im vergangenen Jahr hat Twitter sogar eine neue Metrik erfunden, das mDAUs oder Monetizable Daily Active Users, um die Nutzerzahlen für Wall Street-Investoren attraktiver zu gestalten, die vom langsamen Nutzerwachstum von Twitter enttäuscht waren.

Twitter: Cancel Culture als Wachstumshemmer

Der öffentliche Charakter von Tweets ist natürlich nicht das eigentliche Problem von Twitter. Es ist nur leider so, dass sich auf im Laufe der Jahre massiver Online-Missbrauch auf der Plattform verbreitet hat. Twitter fühlt sich heute teilweise wie ein Minenfeld an, kein sicherer Ort, um Gedanken zu teilen. Zusätzlich wurde Twitter mit einer Form aggressiver Wachheit im World Wide Web in Verbindung gebracht, die als „Call-out-Culture“ oder „Cancel-Culture“ bezeichnet wird. Dies kann manchmal dazu führen, dass User ältere Tweets eines Benutzers durchsuchen, um sie für beleidigende Bemerkungen oder unangemessenes Verhalten, das sie vor Jahren online gepostet haben, zur Rechenschaft zu ziehen. Unabhängig davon, ob dies gerechtfertigt ist oder nicht, hat die bloße Existenz der Cancel Culture dazu geführt, dass Benutzer eher zögerlich twittern und dass sie mit größerer Wahrscheinlichkeit eine App oder einen Dienst eines Drittanbieters verwenden, um ihre Tweets automatisch zu löschen, wenn sie dies tun. Natürlich ist das Zögern der Nutzer beim Posten schlecht für das Wachstum von Twitter und schlecht für Werbetreibende, die einen stetigen Strom von benutzergenerierten Inhalten benötigen, in die sie ihre Marketingbotschaften einfügen können.

Laut Twitter wird Fleets nach dem Update der App für brasilianische Benutzer auf iOS und Android verfügbar sein. Der Test wird einige Monate dauern, bevor Twitter beschließt, ob man Fleets auch auf anderen globalen Märkten einführen wird.

Bildquelle: Twitter